regulierungen •

Welche Produkte brauchen eine CE-Kennzeichnung? Die vollstaendige Liste

Alle EU-Rechtsakte, die eine CE-Kennzeichnung verlangen, in einer Uebersicht: Nummer des Rechtsakts, Produktbereich, Rolle der benannten Stelle und wo der digitale Produktpass schon heute vorgeschrieben ist. Plus: was nicht CE- gekennzeichnet wird.

Autor: myDPP Team

Welche Produkte brauchen eine CE-Kennzeichnung? Die vollstaendige Liste

Es gibt kein Register der “CE-Produkte”, in dem man sich nachschlagen koennte. Die CE-Kennzeichnung funktioniert umgekehrt: rund dreissig einzelne Rechtsakte definieren jeweils einen Produktbereich, und faellt Ihr Produkt in einen davon, ist die Kennzeichnung Pflicht — faellt es in keinen, ist ihr Anbringen ein Rechtsverstoss. Die meisten Compliance-Fehler in diesem Bereich sind keine durchgefallenen Pruefungen. Sie sind eine falsche Antwort auf die vorgelagerte Frage, welcher Rechtsakt ueberhaupt gilt.

Dieser Artikel liefert die vollstaendige Liste, gruppiert und mit den amtlichen Nummern, damit Sie sie Produkt fuer Produkt durchgehen koennen. Er behandelt zusaetzlich drei Dinge, die eine blosse Liste offenlaesst: welche alltaeglichen Produktgruppen bewusst nicht CE-gekennzeichnet werden, was passiert, wenn mehrere Rechtsakte fuer dasselbe Produkt gelten, und wo der digitale Produktpass schon heute in CE-Recht geschrieben steht — in vier Rechtsakten naemlich bereits.


Das Wichtigste in Kuerze

  • Die CE-Kennzeichnung ist nur dort Pflicht, wo ein konkreter Rechtsakt sie vorsieht. Es gibt keine allgemeine Pflicht und auch keine allgemeine Ausnahme — die Antwort haengt immer am Rechtsakt und am Produkt.
  • Das Anbringen ohne Rechtsgrundlage ist nach Artikel 30 der Verordnung (EG) Nr. 765/2008 verboten. “Wir haben CE draufgesetzt, damit es serioes wirkt” ist selbst ein Verstoss.
  • Derzeit verlangen rund 30 Rechtsakte eine CE-Kennzeichnung. Am haeufigsten sind Niederspannung, EMV und Funkanlagen fuer alles Elektrische, dazu Maschinen, Spielzeug, PSA und Medizinprodukte in ihren Sektoren.
  • Ein Produkt faellt regelmaessig unter mehrere Rechtsakte gleichzeitig. Ein vernetztes Elektrowerkzeug kann zugleich in den Anwendungsbereich von Maschinenrecht, Niederspannung, EMV, Funkanlagen, RoHS und Cyber Resilience Act fallen. Alle sind vollstaendig zu erfuellen, und es wird eine Konformitaetserklaerung ausgestellt, die alle auflistet.
  • Grosse Alltagskategorien werden nicht CE-gekennzeichnet: Moebel, Textilien, Kosmetik, Lebensmittel und Lebensmittelkontaktmaterialien, Verpackungen, handbetriebene Werkzeuge. Ein CE-Zeichen darauf ist ein Warnsignal, kein Verkaufsargument.
  • Manche regulierten Produkte tragen ein anderes Zeichen: Schiffsausruestung das Steuerrad, Fahrzeuge die Typgenehmigung, Eisenbahn-Teilsysteme die EG-Pruefung. Reguliert heisst nicht CE.
  • Vier CE-Rechtsakte enthalten bereits einen Produktpass: die Batterieverordnung (ab 18. Februar 2027), die Spielzeugverordnung (2030), die Bauprodukteverordnung und die ESPR ueber ihre delegierten Rechtsakte.
  • Die neuesten Mitglieder der CE-Familie sind softwaregepraegt: KI-Verordnung und Cyber Resilience Act nutzen die Kennzeichnung fuer Produkte ohne klassisches physisches Sicherheitsrisiko.
  • Der European Product Act, von der Kommission fuer das dritte Quartal 2026 angekuendigt, soll diesen Rahmen insgesamt ueberarbeiten — mit digitaler Dokumentation als Standard und dem DPP als integriertem Bestandteil.

Die Regel, die alles entscheidet: Anwendungsbereich, nicht Produktart

Die CE-Kennzeichnung ist kein Guetezeichen, kein Zertifikat und kein Herkunftsnachweis. Sie ist die eigene Erklaerung des Herstellers, dass das Produkt alle anwendbaren Anforderungen des EU-Harmonisierungsrechts erfuellt und das vorgeschriebene Konformitaetsbewertungsverfahren durchlaufen wurde. Die allgemeinen Grundsaetze stehen in Artikel 30 der Verordnung (EG) Nr. 765/2008; die Verfahren stammen aus dem Beschluss Nr. 768/2008/EG und sind in unserem Leitfaden zu den Konformitaetsbewertungsmodulen erklaert.

Daraus folgen zwei Dinge, beide gegen die Intuition.

Erstens entsteht die Pflicht aus dem Rechtsakt, nicht aus dem Risiko. Eine Handsaege ist gefaehrlicher als eine Nachttischlampe, und CE-gekennzeichnet ist die Lampe, nicht die Saege — weil die Niederspannungsrichtlinie die Lampe erfasst und kein CE-Rechtsakt handbetriebene Werkzeuge. Das Gefuehl fuer Gefaehrlichkeit ist hier ein schlechter Ratgeber; nur die Definitionen des Anwendungsbereichs zaehlen.

Zweitens ist die Kennzeichnung verboten, wo kein Rechtsakt gilt. Artikel 30 Absatz 2 der Verordnung (EG) Nr. 765/2008 untersagt das Anbringen an Produkten, fuer die kein Rechtsakt sie vorsieht. Wer das Zeichen “zur Sicherheit” auf Textilien oder Moebel setzt, uebererfuellt nichts — er gibt eine irrefuehrende Erklaerung ab, und die Marktueberwachungsbehoerden behandeln sie genau so.

Die Frage lautet also nie “ist mein Produkt gefaehrlich genug fuer CE?”. Sie lautet: “faellt mein Produkt in den definierten Anwendungsbereich eines der folgenden Rechtsakte?”.

Die vollstaendige Liste der CE-Rechtsakte

Elektrische, elektronische und Funkanlagen

Die breiteste Gruppe und fuer die meisten Hersteller der erste Kontakt mit CE ueberhaupt. Diese Rechtsakte addieren sich: ein Bluetooth-Lautsprecher faellt unter alle vier.

RechtsaktProduktbereich
Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EUElektrische Betriebsmittel mit 50–1 000 V AC oder 75–1 500 V DC
EMV-Richtlinie 2014/30/EUGeraete, die elektromagnetische Stoerungen verursachen oder davon beeinflusst werden
Funkanlagenrichtlinie 2014/53/EUAlles, was absichtlich Funkwellen sendet oder empfaengt — WLAN, Bluetooth, Mobilfunk, RFID
RoHS-Richtlinie 2011/65/EUBeschraenkung gefaehrlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeraeten
Cyber Resilience Act (EU) 2024/2847Produkte mit digitalen Elementen — Meldepflichten ab 11. September 2026, volle Anwendung ab 11. Dezember 2027

Unter 50 V AC und ohne Funk: ein USB-betriebenes Geraet kann nur unter EMV und RoHS fallen. Das ist weiterhin CE-Kennzeichnung — die Liste der Rechtsakte ist kuerzer, nicht leer.

Maschinen, Druckgeraete und Ausruestung fuer Gefahrenbereiche

RechtsaktProduktbereich
Maschinenrichtlinie 2006/42/EG → Maschinenverordnung (EU) 2023/1230Maschinen, Sicherheitsbauteile, Lastaufnahmemittel, Ketten, Seile. Die Verordnung gilt ab 20. Januar 2027
Aufzugsrichtlinie 2014/33/EUAufzuege, die Gebaeude dauerhaft bedienen, und ihre Sicherheitsbauteile
Druckgeraeterichtlinie 2014/68/EUDruckgeraete und Baugruppen ueber 0,5 bar
Richtlinie ueber einfache Druckbehaelter 2014/29/EUGeschweisste Behaelter ueber 0,5 bar mit Luft oder Stickstoff
ATEX-Richtlinie 2014/34/EUGeraete und Schutzsysteme fuer explosionsgefaehrdete Bereiche
Seilbahnverordnung (EU) 2016/424Teilsysteme und Sicherheitsbauteile von Personenseilbahnen — die Anlage selbst wird nicht CE-gekennzeichnet
Outdoor-Laermrichtlinie 2000/14/EGIm Freien verwendete Geraete, mit Angabe des garantierten Schallleistungspegels neben CE

Sicherheit, Gesundheit und Messwesen

RechtsaktProduktbereich
PSA-Verordnung (EU) 2016/425Persoenliche Schutzausruestung, Kategorien I bis III
Medizinprodukteverordnung (EU) 2017/745Medizinprodukte und Zubehoer, Klassen I bis III
IVD-Verordnung (EU) 2017/746In-vitro-Diagnostika, Klassen A bis D
Spielzeugrichtlinie 2009/48/EG → Spielzeugverordnung (EU) 2025/2509Produkte, die zum Spielen fuer Kinder unter 14 Jahren bestimmt sind. Die Verordnung gilt ab 1. August 2030
Messgeraeterichtlinie 2014/32/EUWaerme-, Gas-, Wasser- und Stromzaehler, Taxameter und weitere Geraete im gesetzlichen Messwesen
Richtlinie ueber nichtselbsttaetige Waagen 2014/31/EUWaagen, die ein Eingreifen des Bedienpersonals erfordern
Gasgeraeteverordnung (EU) 2016/426Geraete zur Verbrennung gasfoermiger Brennstoffe und deren Ausruestung

Fuer den DPP-Kontext ist eine Randnotiz wichtig: Medizinprodukte sind von der ESPR ausgenommen, hier folgt der CE-Kennzeichnung also kein Oekodesign-Produktpass.

Bau, Energie und Chemie

RechtsaktProduktbereich
Bauprodukteverordnung (EU) 2024/3110Bauprodukte, die dauerhaft in Bauwerke eingebaut werden. Ersetzt die Verordnung (EU) Nr. 305/2011, in Kraft seit 7. Januar 2025, mit langer Uebergangsphase. Die CE-Kennzeichnung folgt der Leistungserklaerung
Oekodesign-Richtlinie 2009/125/EGEnergieverbrauchsrelevante Produkte, soweit eine Durchfuehrungsmassnahme gilt
ESPR (EU) 2024/1781Nahezu alle physischen Produkte, einschliesslich Bauteile und Zwischenprodukte, nach Erlass der delegierten Rechtsakte
Duengeprodukteverordnung (EU) 2019/1009EU-Duengeprodukte, die CE-gekennzeichnet in Verkehr gebracht werden
Richtlinie ueber Explosivstoffe fuer zivile Zwecke 2014/28/EUExplosivstoffe fuer zivile Verwendung
Pyrotechnikrichtlinie 2013/29/EUPyrotechnische Gegenstaende, Kategorien F1 bis P2

Die Bauprodukteverordnung ist mechanisch der Sonderfall: der Hersteller erklaert die Leistung gegenueber harmonisierten technischen Spezifikationen, nicht die Konformitaet mit Sicherheitsanforderungen, und die CE-Kennzeichnung folgt der Leistungserklaerung. Unterschied und neuer Pass stehen in unserem CPR-Artikel.

Verkehr, Mobilitaet und die Neuzugaenge

RechtsaktProduktbereich
Sportbootrichtlinie 2013/53/EUSportboote, Wassermotorraeder, Motoren und Bauteile
Drohnenverordnung (EU) 2019/945Unbemannte Luftfahrzeugsysteme der offenen und speziellen Kategorie, mit Klassenkennzeichnung
Batterieverordnung (EU) 2023/1542Alle Batteriekategorien — Geraete-, LMT-, Starter-, Industrie- und Elektrofahrzeugbatterien
KI-Verordnung (EU) 2024/1689Hochrisiko-KI-Systeme. Fristen siehe unten

Die KI-Verordnung verlangt Genauigkeit, denn die Fristen haben sich verschoben. Die Pflichten fuer Hochrisikosysteme — einschliesslich CE-Kennzeichnung — waren urspruenglich fuer den 2. August 2026 und den 2. August 2027 vorgesehen. Nach dem Digital Omnibus zur KI gelten sie nun ab 2. Dezember 2027 fuer eigenstaendige Hochrisikosysteme nach Anhang III und ab 2. August 2028 fuer KI, die in Produkte eingebettet ist, welche bereits sektoralem CE-Recht nach Anhang I unterliegen. Die Transparenzpflichten nach Artikel 50 wurden nicht verschoben und gelten seit dem 2. August 2026.

Was nicht CE-gekennzeichnet wird

Hier entstehen die teuersten Fehler — in beide Richtungen. Manche Hersteller bringen CE ohne Rechtsgrundlage an; andere schliessen daraus, dass ohne CE-Rechtsakt gar kein EU-Produktrecht gelte. Beides ist falsch.

Keine CE-Kennzeichnung, aber anderes EU-Recht:

  • Moebel — kein CE-Rechtsakt. Es gelten die Produktsicherheitsverordnung (EU) 2023/988, Stoffbeschraenkungen nach REACH und die EUDR fuer den Holzanteil. Moebel stehen gleichzeitig im ESPR-Arbeitsprogramm, ein Pass kommt also, obwohl CE nie kommt.
  • Textilien und Bekleidung — kein CE-Rechtsakt. Faserkennzeichnung, REACH und eine Kategorie der ersten ESPR-Welle.
  • Kosmetik — Verordnung (EG) Nr. 1223/2009, mit Notifizierung im CPNP anstelle einer CE-Kennzeichnung.
  • Lebensmittel, Futtermittel und Lebensmittelkontaktmaterialien — vollstaendig eigenes Regime.
  • Verpackungen — PPWR, Herstellerverantwortung, kein CE-Zeichen.
  • Handbetriebene Werkzeuge, die meisten Sportgeraete, Schreibwaren, die meisten Haushaltswaren — nur allgemeine Produktsicherheit.

Reguliert, aber anders gekennzeichnet:

  • Schiffsausruestung — Richtlinie 2014/90/EU verwendet das Steuerradzeichen, nicht CE.
  • Kraftfahrzeuge, land- und forstwirtschaftliche Fahrzeuge, zwei- und dreiraedrige Fahrzeuge — Verordnungen (EU) 2018/858, 167/2013 und 168/2013 arbeiten mit Typgenehmigung.
  • Eisenbahn-Teilsysteme — Richtlinie (EU) 2016/797 arbeitet mit EG-Pruefung und Inbetriebnahmegenehmigung.

Der praktische Test: wer Rechtsakt und Artikel nicht benennen kann, die die Kennzeichnung verlangen, sollte sie nicht anbringen.

Ein Produkt, mehrere Rechtsakte

Die meisten Hersteller mit einem Compliance-Problem haben kein Pruefproblem. Sie haben eine unvollstaendige Liste anwendbarer Rechtsakte.

Nehmen Sie ein akkubetriebenes, app-vernetztes Gartengeraet, 2027 in der EU verkauft. Im Anwendungsbereich:

  • Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 — es ist eine Maschine
  • Niederspannungsrichtlinie — wenn Netzladung ueber 50 V Teil des Produkts ist
  • EMV-Richtlinie — Emission und Stoerfestigkeit
  • Funkanlagenrichtlinie — das Bluetooth-Modul
  • RoHS-Richtlinie — Stoffbeschraenkungen in der Elektronik
  • Batterieverordnung (EU) 2023/1542 — der entnehmbare Akkupack
  • Cyber Resilience Act (EU) 2024/2847 — Produkt mit digitalen Elementen, ab 11. Dezember 2027

Sechs oder sieben Rechtsakte, ein Produkt. Die Regeln dafuer sind fest und lohnen das Einpraegen:

  1. Jeder anwendbare Rechtsakt ist vollstaendig zu erfuellen. Sie ersetzen sich nicht gegenseitig, und die strengste Anforderung ist fuer die anderen nicht “gut genug”.
  2. Das Konformitaetsbewertungsverfahren kann je Rechtsakt abweichen. Selbstbewertung im einen, benannte Stelle im anderen. Siehe die Module.
  3. Angebracht wird eine CE-Kennzeichnung, nicht eine pro Rechtsakt.
  4. Ausgestellt wird eine EU-Konformitaetserklaerung, die alle Rechtsakte samt Fundstellen der angewandten harmonisierten Normen auflistet. Vorlage und Pflichtfelder sind rechtsaktuebergreifend einheitlich, genau damit dieses eine Dokument funktioniert.

Dieser vierte Punkt ist der Moment, in dem Produktdatenmanagement aufhoert, ein Verwaltungsthema zu sein. Eine Erklaerung, die sieben Rechtsakte auflistet, ist nur so belastbar wie der Nachweis darueber, was geprueft wurde, gegen welche Normfassung und an welcher Produktvariante.

Baugruppen und zusammengesetzte Produkte: wann Sie Hersteller werden

Ein wiederkehrendes und teures Missverstaendnis: das Zusammenfuegen CE-gekennzeichneter Bauteile erzeugt kein CE-gekennzeichnetes Ergebnis durch Vererbung.

Wer zugekaufte, einzeln CE-gekennzeichnete Teile zu einer funktionalen Einheit mit eigener neuer Funktion verbindet — eine Produktionslinie aus Einzelmaschinen, einen Schaltschrank, eine Maschine mit ergaenzter Roboterzelle — bringt ein neues Produkt in Verkehr und ist dessen Hersteller. Das bedeutet: neue Risikobeurteilung fuer die Gesamtheit, eigene technische Dokumentation, eigene Konformitaetserklaerung und eigene CE-Kennzeichnung an der Baugruppe. Die Erklaerungen der Komponenten werden zu Eingangsgroessen Ihrer Unterlagen, nicht zu ihrem Ersatz.

Dieselbe Logik gilt fuer die wesentliche Veraenderung. Nach der Maschinenverordnung macht eine vom Originalhersteller nicht vorgesehene Veraenderung, die eine neue Gefaehrdung schafft oder ein bestehendes Risiko erhoeht, den Veraendernden zum Hersteller einer wesentlich veraenderten Maschine — mit dem vollen Pflichtenkatalog. Betroffen sind vor allem Retrofit-Unternehmen, Systemintegratoren und die eigene Instandhaltung.

Wo der DPP bereits im CE-Recht steht

Der digitale Produktpass wird oft als ESPR-Thema beschrieben. Er ist es nicht, jedenfalls nicht nur: er steht bereits in mehreren CE-Rechtsakten, auf getrennten Zeitschienen und mit getrennten Anwendungsbereichen.

RechtsaktPassGilt ab
Batterieverordnung (EU) 2023/1542Batteriepass fuer LMT-, Industrie- (>2 kWh) und Elektrofahrzeugbatterien18. Februar 2027
Spielzeugverordnung (EU) 2025/2509DPP verpflichtend, uebernimmt die Rolle der Konformitaetserklaerung1. August 2030
Bauprodukteverordnung (EU) 2024/3110DPP-System fuer BauprodukteGestaffelt mit den delegierten Rechtsakten
ESPR (EU) 2024/1781DPP je Produktgruppe, ueber delegierte RechtsakteJe delegierter Rechtsakt, erste ab 2027

Zwei Beobachtungen fuer die Planung.

Die Spielzeugverordnung ist der lehrreichste Fall, denn dort steht der Pass nicht neben der Konformitaetserklaerung — er ersetzt sie als primaeren Konformitaetsnachweis, waehrend die CE-Kennzeichnung selbst bleibt und zu einem der Pflichtdatenfelder im Pass wird. Das ist die Richtung des gesamten Rahmens, und wir behandeln sie gesondert in wann der DPP die EU-Konformitaetserklaerung ersetzt.

Umgekehrt reicht die ESPR an Produkte heran, die nie eine CE-Kennzeichnung hatten. Moebel und Textilien erhalten einen Pass, ohne dass CE je fuer sie gilt. “Welche meiner Produkte brauchen CE” und “welche meiner Produkte brauchen einen DPP” sind also zwei verschiedene Listen mit nur teilweiser Ueberschneidung — weshalb sie getrennt und gleichzeitig zu beantworten sind. Welche Produktgruppen ein Pass trifft, steht im Detail in Digitaler Produktpass: fuer welche Produkte gilt die Pflicht.

Was der European Product Act aendern wird

Heute schon relevant, weil es beeinflusst, wie viel der aktuellen Papierarbeit sich zu automatisieren lohnt.

Das Arbeitsprogramm der Kommission fuer 2026 enthaelt eine Ueberpruefung des neuen Rechtsrahmens (NLF), angekuendigt als European Product Act im dritten Quartal 2026 — ein Paket aus ueberarbeitetem neuen Rechtsrahmen und Marktueberwachungsverordnung sowie einer ueberarbeiteten Normungsverordnung. Die oeffentlichen Konsultationen liefen im Januar 2026.

Die erklaerte Richtung ist “digital by default”: elektronische Produktdokumentation, elektronische Konformitaetserklaerungen, verpflichtende elektronische Kommunikation zwischen Wirtschaftsakteuren und Behoerden und — ausdruecklich — die Integration des digitalen Produktpasses in den NLF selbst, statt ihn als produktweise angebaute Zusatzpflicht zu belassen. Die Stellungnahme von CEN und CENELEC zur Konsultation fordert genau diese Angleichung.

Nichts davon ist bereits Recht, und ein Vorschlag im dritten Quartal 2026 bedeutet eine Verabschiedung Jahre spaeter. Aber die Richtung entkraeftet einen haeufigen Einwand: Unternehmen, die digitale Konformitaetsdokumentation bis zum Erlass der ESPR-Rechtsakte als optional behandeln, planen nach heutigem Stand gegen die Entwicklungslinie des Rahmens selbst.

Fuenf Schritte zur eigenen Liste

  1. Inventarisieren Sie nach Funktion, nicht nach Katalog. Anwendungsbereiche knuepfen daran an, was ein Produkt tut und wie es versorgt wird, nicht daran, wie Ihr Portfolio sortiert ist. Varianten mit Funkmodul gehoeren in einen anderen Korb als solche ohne.
  2. Arbeiten Sie die Liste oben Rechtsakt fuer Rechtsakt ab. Lesen Sie zu jedem den Artikel zum Anwendungsbereich und den zu den Ausnahmen. In den Ausnahmen stecken die meisten echten Antworten.
  3. Erwarten Sie mehrere Treffer je Produkt und notieren Sie alle. Eine unvollstaendige Liste erzeugt eine unrichtige Konformitaetserklaerung, und das ist ein dokumentierter Verstoss, selbst wenn das Produkt vollkommen sicher ist.
  4. Bestimmen Sie je Rechtsakt das Konformitaetsbewertungsmodul und ob eine benannte Stelle erforderlich ist. Pruefen Sie jede benannte Stelle in der NANDO-Liste der Kommission — Akkreditierung ist keine Notifizierung.
  5. Bilden Sie die Daten ab. Jeder Rechtsakt erzeugt Nachweise: Pruefberichte, Bescheinigungen, Normfundstellen, Stoffdaten. Es sind dieselben Daten, die heute die Konformitaetserklaerung und morgen der Produktpass braucht — also einmal strukturiert erfassen statt je Produkteinfuehrung neu. Die Implementierungs-Checkliste zeigt die Reihenfolge.

Haeufig gestellte Fragen

Gibt es eine amtliche Liste der Produkte, die eine CE-Kennzeichnung brauchen?

Nicht als Produktliste — nur als Liste der Rechtsakte, jeder mit eigener Definition des Anwendungsbereichs. Die Kommission veroeffentlicht das Harmonisierungsrecht und die Sektorseiten, aber die Zuordnung “mein Produkt → diese Rechtsakte” ist Herstellerverantwortung und laesst sich nicht an eine Tabelle delegieren.

Wann ist die CE-Kennzeichnung Pflicht?

Immer wenn ein Produkt in den Anwendungsbereich eines Rechtsakts faellt, der sie vorsieht, und zwar vor dem Inverkehrbringen in der EU. Nicht bei der Herstellung, nicht beim Verkauf an den Endnutzer, sondern beim Inverkehrbringen. Bei Einfuhren muss der Importeur pruefen, ob der Hersteller das getan hat, und Importeure von Waren aus Drittlaendern tragen Herstellerpflichten, wenn sie unter eigenem Namen oder eigener Marke verkaufen.

Brauchen Moebel oder Kleidung eine CE-Kennzeichnung?

Nein. Keine der beiden Gruppen wird von einem CE-Rechtsakt erfasst, das Anbringen waere ein Verstoss. Beide unterliegen anderem EU-Recht, und beide stehen im ESPR-Arbeitsprogramm fuer einen digitalen Produktpass — eine gesonderte Pflicht ohne CE-Bestandteil.

Gibt es ein CE-Zertifikat?

Fuer die meisten Produkte nicht. Der Hersteller bewertet selbst, erstellt die technischen Unterlagen und unterschreibt die Konformitaetserklaerung ohne externe Stelle. Bescheinigungen gibt es nur, wo der anwendbare Rechtsakt eine benannte Stelle verlangt, und selbst dann ist es deren Bescheinigung fuer ein bestimmtes Modul, kein allgemeines “CE-Zertifikat”. Wer eines fuer ein selbstbewertetes Produkt verkaufen will, beschreibt etwas, das nicht existiert.

Wir verkaufen von aussen in die EU. Wer haftet?

Die Pflichten treffen den Hersteller, aber die EU braucht eine Person in der Union, die fuer die Unterlagen einsteht. Nach der Verordnung (EU) 2019/1020 ist das der fuer das Produkt benannte Wirtschaftsakteur — Hersteller, Bevollmaechtigter, Einfuehrer oder Fulfilment-Dienstleister. Ohne ihn darf das Produkt unabhaengig von jeder Pruefung nicht in Verkehr gebracht werden.

Bedeutet die CE-Kennzeichnung, dass die EU das Produkt genehmigt hat?

Nein. Keine EU-Behoerde genehmigt Produkte oder erteilt CE-Zeichen. Die Kennzeichnung ist die eigene Erklaerung des Herstellers, gestuetzt auf Unterlagen, die Behoerden nachtraeglich verlangen koennen. Das ist das haeufigste Missverstaendnis und der Grund, warum “CE-zertifiziert” keine sinnvolle Formulierung ist.

Weiterlesen

myDPP ist keine benannte Stelle und fuehrt keine Konformitaetsbewertungen durch. Was myDPP tut: die Produktdaten halten, aus denen Konformitaetserklaerungen und Produktpaesse gebaut werden — versioniert, validiert und maschinenlesbar. Siehe myDPP.

Quellen

  • Verordnung (EG) Nr. 765/2008, Artikel 30 (allgemeine Grundsaetze der CE-Kennzeichnung) — EUR-Lex
  • Beschluss Nr. 768/2008/EG (gemeinsamer Rechtsrahmen fuer die Vermarktung von Produkten, Konformitaetsbewertungsmodule) — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2019/1020 ueber Marktueberwachung und die Konformitaet von Produkten — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2024/1781 (ESPR) — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2023/1542 (Batterieverordnung) — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2025/2509 (Spielzeugverordnung) — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2024/3110 (Bauprodukteverordnung) — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2023/1230 (Maschinenverordnung) — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2024/2847 (Cyber Resilience Act) — EUR-Lex
  • Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung) und Anhang I, Liste des Harmonisierungsrechts der Union — EUR-Lex
  • Europaeische Kommission, CE-Kennzeichnung — Pflichten der Hersteller, Binnenmarkt und Industrie
  • Europaeische Kommission, Arbeitsprogramm der Kommission 2026: Ueberpruefung des neuen Rechtsrahmens
  • CEN und CENELEC, Stellungnahme zu den Konsultationen zum European Product Act, 2026